Wieder zurück aus Remscheid. Drei Tage, zwei Nächte unterwegs. Das war wirklich anstrengend. Ich fühle mich immer noch müde und schwach. Das Alter macht sich bemerkbar. Oder ist das Quatsch?


Die letzten Tage hatte ich eine Schreibblockade. Erschöpfung? Ich weiß es nicht. Ich habe so viel gesehen, so viel erlebt auf der Reise nach und in Remscheid.

Geschlafen wie ein Stein. Trotz Verkehrslärm mitten in der City. Das Hotel lag direkt am Bahnhof, am Hauptverkehrsknoten Remscheids. Autos, Lkws, Busse, Polizeisirenen, laute Stimmen von Passanten.

Ich habe die Fenster offen, weil es stickig heiß ist im Zimmer. Trotzdem schlafe ich schnell ein. Es ist heiß, ich schlafe unruhig – aber überraschend gut.

Erschöpfung von der Reise. Dabei muss man doch gar nicht viel machen. Hauptsächlich sitzen.

Aus meinem Fenster Blick auf die Stadt mit den beiden markanten Kirchtürmen: Die alte evangelische Kirche mit Zwiebelturm und die etwas neuere katholische.

Die evangelische Kirche war das Zentrum der Altstadt. Ein altes Foto im Restaurant, das zum Hotel gehört, zeigt die Kirche, die umgebenden Häuser, die Straßenbahnschienen, die von der Bismarckstraße zum Markt führen.

All diese Häuser waren längst verschwunden, als ich Kind war. Alles von Bomben zerstört.

Woran ich mich erinnere, ist die Stadtkirche. Und die Straßenbahn. Sie fuhr vom Bahnhof die steile Bismarckstraße hinauf zum Markt.

Von meinem Hotelfenster aus schaue ich auf diese Straße. Sie ist gar nicht so steil, wie ich sie in Erinnerung habe. Keine Schienen mehr, sondern eine Fußgängerzone mit Blumen in Betonkübeln und Bänken.

Gab es diese breite Straße, die vom Bahnhof zum Markt führte, auch damals schon? Ich weiß es nicht.

Ich erinnere mich an meine erste Fahrt im Auto. Ich saß im Heck eines Buckelmercedes, der einem Nachbarn von uns gehörte. Er hatte mich und meine Mutter mit in die Stadt genommen.

Die Alleestraße und der Markt waren für mich die Stadt. Am oberen Ende der Alleestraße das Rathaus. Fast gegenüber die Luisenstraße, die von der Alleestraße abgeht. Von dort hat man einen weiten Blick über das Bergische Land. Bei guten Sichtverhältnissen konnte man den Kölner Dom sehen. Ich weiß nicht genau, ob ich das selber je gesehen habe. Aber so wurde es mir erzählt.

In der Luisenstraße hat meine Familie gewohnt. Bis zur Bombennacht. Ich weiß nicht, wo sie diese Nacht überlebt haben.

Als wir im Mercedes über den Markt fuhren, erzählte meine Mutter, wie es hier am Tag nach der Bombennacht ausgesehen hatte. Die Zerstörung, der Brandgeruch. Die verkohlten Leichen auf der Straße.

Wieso hat sie mir, dem kleinen Paul, solche Sachen erzählt? Ich war nicht älter als sieben Jahre.

Die Bilder sind noch heute in meinem Kopf, obwohl ich sie nie selber gesehen habe.
In diesem Hotel am Bahnhof kommen die Erinnerungen zurück. Ein Hotel, das es nicht gab, als ich Kind war. Aber direkt gegenüber steht noch das Haus aus den fünfziger Jahren.

Im Erdgeschoss die Schaufenster von Radio Gerling. Im ersten Stock wohnte die Familie Gerling – und meine Tante Änne. Sie war die Haushälterin der Familie und hatte eine eigene Wohnung auf derselben Etage.

Dort war ich oft als Kind.

Aus dem Fenster der Blick auf den Bahnhofsvorplatz und die Straßenbahn, die die steile Bismarckstraße hinauffuhr. Hätte das Hotel, in dem ich jetzt wohne, schon gestanden, dann hätte ich auch darauf geblickt.

Neben dem Foto von der Altstadt gab es im Frühstücksraum auch ein Foto des Bahnhofsvorplatzes – ungefähr aus dieser meiner Kinderzeit.

Es ist nichts mehr so wie es war.

Nur dieses Haus mit Radio Gerling gibt es immer noch. Und es sieht unverändert aus.

Nur dass es kein Radio Gerling mehr gibt und auch keine Tante Änne.

Das Schreiben tut gut.

Schreib alles auf, Paul.

Es gibt noch so viel zu erzählen.

Ich weiß nicht, ob das, was ich – was wir – erlebt haben, heute noch jemanden interessiert. Aber vergessen werden sollte es nicht.



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