Seltsam im Nebel zu wandern. Das Gedicht von Hermann Hesse kommt mir in den Sinn. Ich schaue hinaus – und so sieht es auch aus: seltsamer Nebel über den Häusern, zwischen den Bäumen. Romantisch, immer wieder. Wie oft habe ich schon Fotos von Landschaften und Häusern im Nebel gesehen – und selbst gemacht.
Ich erinnere mich an ein Bild vom Resthof: Blick vom Deich auf das Fachwerkhaus und die Scheune, vom Nebel in dunstige Schleier gehüllt.
Hier haben wir uns geliebt, im abgedeckten Reet. Es war eine warme Sommernacht. Wir waren jung und total verliebt. War sie da schon schwanger? Ich weiß es nicht. Aber es war wohl der letzte Sommer hier. Wenn ich mich nicht irre, war sie schwanger – was in unserer WG nicht gut ankam. Im Herbst sind wir ausgezogen. In dieses Haus, in dem wir nun wieder leben. Es ist nicht mehr dieselbe Wohnung. So wie wir auch nicht mehr dieselben sind.
Seltsam im Nebel zu wandern. Kein Mensch kennt den anderen. Jeder geht für sich allein. Welch trübe Gedanken – passend zum November. Ich kenne sie gut. Sie haben mich als junger Mensch oft begleitet und verhindert, dass ich auf andere zugegangen bin. Das Gefühl, unter einer Glasglocke zu leben: Ich kann alle sehen, und sie können mich sehen – aber wir können uns nicht berühren.
Kein Mensch kennt den anderen. Dieses Gefühl ist schon lange verschwunden. So viele Träume in meinem Leben – immer wieder gescheitert, immer wieder aufgestanden. Ein Leben, das am Ende dazu führt, dass ich nicht allein bin. Dafür bin ich dankbar.
Ich bin auch dankbar, dass ich nicht grundsätzlich jedem misstraue. Dass ich mich nicht nur auf mich verlasse. Ich kann mich auf andere verlassen – und anderen vertrauen.
Die Menschen sind füreinander da. Nicht alle sind egoistisch und sehen nur ihren eigenen Vorteil.
Wie kann ich den anderen manipulieren, übers Ohr hauen, meine Macht und meinen Reichtum vermehren – das ist die Religion, die zurzeit wieder viele Anhänger findet. Nutze deinen Vorteil. Wer hungert, ist selbst schuld. Wer keine Wohnung hat, muss sehen, wo er schläft. Wer kein Geld hat, soll eben arbeiten. Jeder ist seines Glückes Schmied.
An der Kasse bei Lidl die andere Wahrheit. Ein junger Mann, spricht kein Deutsch, hat eingekauft. Als die Summe über zehn Euro geht, gibt er eine Tüte Milch zurück. Dann sind es immer noch 10,44 Euro. Er schiebt wieder eine Ware zur Kassiererin.
Sie zögert kurz, fragt ihren Kollegen: „Hast du mal 44 Cent für den Kunden?“ Dann wühlt sie selbst in den Schubladen, findet Münzen und zählt 44 Cent in ihre Kasse. Der junge Mann hält immer noch den Zehner in der Hand, sucht in allen Taschen, findet nichts mehr, schiebt wieder die Mayonnaise zur Seite. Die Verkäuferin schließt die Kasse. „Ist ok“, sagt sie zu ihm.
Er schaut verwundert und erleichtert, bedankt sich, packt seine Sachen schnell ein und verschwindet.
Es gibt noch Hoffnung. Du bist nicht allein. Wir sind nicht allein. Ich bin leider nicht auf die Idee gekommen, in meiner Geldbörse nach 44 Cent zu suchen. Aber vielleicht beim nächsten Mal.
Wir haben nur Hoffnung, wenn uns klar wird, dass wir nicht allein sind. Dass wir für andere da sind – und sie für uns.
Seltsam im Nebel zu wandern.
Kein Baum sieht den anderen.
Jeder mit jedem verbunden.
Niemand ist allein.

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