23.10.2025

Mein Vater hat heute Geburtstag. Er wäre 111 Jahre alt geworden. Bei seiner Geburt gab es noch den Kaiser. Mit 10 begann der 1. Weltkrieg. Mit 14 war er zu Ende.

Er fing als Hilfsarbeiter an, wahrscheinlich in einer Feilenfabrik. Sein erstes selbstverdientes Geld investierte er in Kekse. Selbstverdiente Kekse, die er mit großem Genuss gegessen hat. Was waren das wohl für Kekse und wo hast du sie gekauft? Vielleicht war es ein Spritzgebäck wie ich sie als Kind auch geliebt habe, teilweise mit Schokolade überzogen. Ich stelle mir vor, wie du die Bäckerei mit der Kekstüte in der Hand verlässt. Gleich vor der Tür nimmst du den ersten aus der Tüte, beißt ein Stück ab und lässt es im Mund langsam zergehen.

Was hat er wohl die Jahre in seiner Jugend gemacht? Ich weiß es nicht. Irgendwann fand ich eine Verurteilung zu einem Tag Gefängnis wegen Bettelei und Landstreicherei. Er war gerne unterwegs, arbeitete irgendwo gegen Essen und Schlafen bei einem Bauern, schlief im Heu. War das in der Zeit der Weltwirtschaftskrise? Oder hatte er eine Arbeit und ging im Urlaub auf Trebe?

Irgendwann in den Dreißigern muss er meine Mutter kennengelernt haben. Ein hübscher Kerl war er auf dem Hochzeitsfoto. Ich weiß wenig über ihn. Ich liebte es, mit ihm sonntags die Zeitung auszutragen. Anschließend auf dem Küchentisch das Kleingeld zählen. Die Groschen, Fünfpfennigstücke etc. in 10er Säulen gestapelt. Dann konnte man das Tagesergebnis zählen. Ein gewisser Teil des Geldes war sein Lohn. Der große Rest musste er abgeben.

Was ich nicht liebte, war ihn freitags abends aus der Kneipe nach Hause zu loten. Freitags war Lohntag. Der Lohn wurde bar ausgezahlt und Papas Heimweg führte an einer Kneipe vorbei. Mama schickte mich los, wenn er nicht beizeiten zu Hause war. „Hol Papa nach Hause. Er vertrinkt sonst seinen ganzen Lohn.“ Ich weiß nicht genau, ob sie das so gesagt hat. Aber das war auf jeden Fall der Grund, mich loszuschicken. Auf mich hörte er. Bei mir wurde er weich.

Und er war auch stolz, wenn er mich den anderen Biertrinkern vorstellen konnte. Ich war damals vielleicht sechs oder sieben Jahre alt.

„Hier mein Jüngster!“ sagte er und genoss es, wenn man ihm anerkennend auf die Schulter klopfte. Für mich war es einfach nur peinlich. Ich nahm seine Hand und zog ihn aus der Kneipe.

Er hat immer Feilen gehauen. Zusätzlich hat er die Klos sauber gemacht. In den Pausen spielte er Mundharmonika. So wie auch bei uns zu Hause auf Familienfesten. Immer wollte ich gerne so spielen können wie er.

Irgendwann wurde seine Firma verkauft und er wurde entlassen. Das hat ihn zerbrochen. Zu Hause sitzen und nichts tun.

Alle diese Erinnerungen an dich. Du warst kein starker Mann. Du warst kein starker Vater. Du hast mich geliebt. Ich habe dich geliebt. Ich konnte dich nicht vor den Monstern schützen.

Mit 72 bist du gestorben. Papa, ich weiß so wenig über dich.


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